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In drei Wochen mit vier Fagottisten durch fünf Städte in China

Eines gab es nie: Reis

Autor: Stephan Weidauer (Wei Dao Er), Fagottdozent Hochschule für Musik Saarbrücken, Solofagottist Saarländisches Staatsorchester Saarbrücken

„Die einfachste Methode, ein anderes Land kennen zu lernen, ist das Zusammentreffen mit Berufskollegen.“ (Isaac Stern, 1999 im Rückblick auf seine Chinatour 1979)

Fagottquartett-Konzert in Shanghai

Fagottquartett-Konzert in Shanghai

Vom 11.Juni bis 1.Juli 2006 fand die China-Tour „Sounds of Püchner“ statt. Sie bestand im Wesentlichen aus drei Elementen: Ausstellungen mit den verschiedenen Fagott-Modellen aus dem Hause J.Püchner Spezial-Holzblasinstrumentenbau GmbH, Konzerten mit Fagottensembles von vier bis acht Fagotten und Meisterklassen in chinesischen Konservatorien.

Shi Li, mandschurischer Fagottist aus Wien

Shi Li, mandschurischer Fagottist aus Wien und Organisator der Tour

Mit von der Partie waren: Zhang Jin Min, Solo-Fagottist des Singapore Symphony Orchestra (SSO), Liu Chang, sein Kollege und stellvertretender Solo-Fagottist im selben Orchester, der Berichterstatter Stephan Weidauer, Solo-Fagottist eines anderen SSO, des Saarländischen Staatsorchesters, sowie Shi Li aus Wien. Die drei chinesischen Fagottisten kennen sich aus ihrer Pekinger Zeit und wirken nun im Ausland als Orchestermusiker, Solisten und Dozenten. Eine besonders ausgefallene Karriere hat Liu Chang hinter sich, er war hochberühmter Rocksänger in China, sang den Eröffnungs-Song der Asian Games 1990 und wurde trotz seines Rückzuges von der Bühne oft erkannt und von Autogrammjägerinnen umgarnt, seine Songs konnten wir sogar während der Tour 2006 noch hören. Spiritus rectus des Ganzen war der Wahl-Wiener Shi Li, der ein abenteuerliches Leben als Kind in der Kulturrevolution und danach als Tanzmusiker bis zu seiner Entdeckung durch Karl Öhlberger, Wien, führte. Er war Manager, Organisator und Leiter der gesamten Konzertreise. Der einzigen Langnase im Fagottquartett fiel die Aufgabe zu, die in China sehr populären Meisterkurse für die dortigen Studierenden abzuhalten. Seit Isaac Stern 1978 kostenlos in China unterrichtete (Dokumentarfilm mit Oscar-Preis 1980 „Von Mao zu Mozart“), herrscht hier eine gewisse Erwartungshaltungshaltung, dass Europäer hier selbstlos ihre Kunst und Erfahrung zum Besten geben. In jeder Stadt war der jeweilige Fagott-Professor vor Ort mit seinen Studenten Mitveranstalter und Teilnehmer bei Proben, Konzerten, Kursen und Ausstellungen. Als fünfter Mann reiste die erste Hälfte der Tour der Juniorchef, Gerald Püchner, persönlich mit.

Gerald Püchnerr beim Reparieren

Gerald Püchner beim Reparieren

Die Tage, an denen man nicht im Flugzeug saß, sahen meistens so aus: am frühen Vormittag Einzug der ganzen Crew ins jeweilige Konservatorium, Aufbau der Fagottausstellung, Beginn des Unterrichts; nachmittags Fortsetzung von beidem, danach Proben für die Ensemblekonzerte, im Quartett als Kernmannschaft, zum Quintett bis Oktett erweitert durch die lokalen Fagottspieler/-innen. Konzerte gab es nachmittags oder abends. Die Literatur bestand überwiegend aus Bearbeitungen z.T. aus der Feder von Shi Li, für den erste Teil Klassik von Mozart bis Verdi, nach der Pause leichte Muse von Bubonic bis Beatles.

Zhang Jin Min, Solofagottist

Zhang Jin Min, Solofagottist Singapore Sinfonieorchester (SSO)

Die erste Station war naturgemäß Beijing (Peking), aus chinesischer Sicht immer noch und besonders wieder Mittelpunkt der Welt. Im Zentralkonservatorium der VR China empfing Li Lan Song die Gäste, Stephan Weidauer sammelte die ersten Unterrichtserfahrungen. Sein Chinesisch reicht zwar für einen Small Talk und auch für Trinksprüche beim abendlichen ausführlichen Feiern mit chinesischen Kollegen und Freunden, keinesfalls jedoch für qualifiziertes Unterrichten. Englisch ist unter den chinesischen Musikstudierenden völlig unüblich, nach kurzer Zeit war festzustellen, dass nicht einmal international übliche musikalische Fachausdrücke wie ƒ oder crescendo auf irgendeine Reaktionen stießen, selbst diese nämlich werden auf chinesisch verwendet, z.B. dà (groß) für ƒ, folglich dà-guăn (große Röhre) für Fagott. In Peking hatte ich Glück, ein chinesischer Fagottstudent aus Saarbrücken war zufällig anwesend und half freundlicherweise sprachlich aus. Einmal hatte man eigens einen Dolmetscher engagiert, der zwar ziemlich gut englisch konnte, dafür keinerlei musikalische Fachausdrücke verstand. Als von piano die Rede war, wähnte er, das Gespräch gehe um Klaviere. Ein gastgebender Fagott-Professor (Song Zhi Bin in Chengdu) sprach wegen seines Studiums im Nürnberg deutsch. Wenn Not am Manne war und Weidauer unverstanden radebrechte, kam stets Hilfe in Form seiner mitreisenden Kollegen mit ihrer fließenden Zweisprachigkeit.

Liu Chang, stellvertr. Solofagottist Singapore Sinfonieorchester

Liu Chang, stellvertr. Solofagottist Singapore Sinfonieorchester

Während meiner Meisterklassen unterrichtete meist Shi Li in einem anderen Raum das Spiel auf dem Kontrafagott (dī-yīn dà-guăn, Tief-Ton-Groß-Röhre) und Gerald Püchner, assistiert von Liu Cang und Zhang Jin-Min betreuten die Ausstellung. Dies bedeutete nicht nur Anblasen der mitgebrachten Fagotte durch Fagottisten der Region, es gab auch so etwas wie einen Erste-Hilfe-Reparatur-Service durch Püchner und Liu, der eine Ausbildung im Traditionshaus in Nauheim absolviert hat. Die chinesischen Studierenden blasen überwiegend Billigfagotte in miserablem Zustand. Man konnte das eine oder andere regulieren, manchmal resignierte Gerald Püchner aber schlichtweg. Wo anfangen, wo aufhören? Am besten ärgern konnte man ihn, wenn man ihm ein nicht ausgewischtes klatschnasses Fagott mit Bitte um Reparatur überreichte. Nicht nur in Literaturkunde und musikalischem Ausdruck, auch in Instrumentenpflege gibt es einen riesigen Nachholbedarf.

Stefan Weidauer beim Unterricht

Stefan Weidauer beim Unterricht

Die Besucher der Ausstellungen zeigten sich durchweg begeistert von der Qualität der Püchner-Fagotte. Obwohl deren Preisniveau deutlich über dem in China gewohnten liegt, konnte Gerald Püchner alle mitgebrachten Instrumente an den Mann bringen bzw. an die Frau – in Form einer überglücklichen kleinen Studentin (mit zahlendem Papa) in Shenyang.

Jia Da Yong Jia Da Yong, junger Fagottprofessor in Shenyang (Mukden)

Zu den Fagott-Professoren: hier war ich mit einer völlig falschen Vorstellung von würdigen alten Männern angereist, um dann von recht jungen Herren begrüßt zu werden, die ich jedes Mal zunächst für Studenten hielt. Dies war in allen fünf Städten so, es gibt dort eine absolut neue und junge Generation von Hochschullehrern, die meist im Ausland studierten oder gar noch eingeschrieben sind. Vom Studenten zum Professor ist es ein kurzer Weg, oft ganz ohne Orchestererfahrung. Einer davon war der Gastgeber in der alten mandschurischen Hauptstadt Shenyang (früher Mukden), Jia Da Yong, vom dortigen Konservatorium. Er hatte in Russland studiert, sodass seine dort erworbenen Sprachkenntnisse mir nicht wirklich halfen. Shenyang ist die Heimat von Shi Li, er studierte im dortigen Konservatorium, konnte einige Geschichten aus seiner bewegten Studienzeit beitragen und wurde herzlich als ehemaliger Kommilitone begrüßt. Um ehrlich zu sein, nicht nur hier, Shi Li scheint in ganz China die Fagottwelt bis hin zum abgelegenen Urumqi in und auswendig zu kennen, und diese vice versa ihn. Sein Hotelzimmer war jeweils ein einziger Empfangsraum und Organisationsbüro mit permanentem Besucherandrang von Fagottisten und anderen Musikern.

Konzertplakat Das Konzertplakat

Die dritte Stadt war das kosmopolitische Shanghai, ein Moloch bei 38 °C Hitze und 95% Luftfeuchtigkeit. Hier blieb mir zum ersten Mal ein Polster richtig fest kleben, die Rohre verhielten sich auch recht subtropisch. Das Shanghaier Konservatorium ist eine riesige Baustelle, die alten Gebäude sind überwiegend schon abgerissen, auf großen Bautafeln sieht man das in Bau befindliche hypermoderne und riesige neue Konservatorium. Noch aber war es nicht soweit, so hatte Gastgeber Liu Zhao Lu ganz schön Stress mit der Organisation geeigneter Räumlichkeiten. Schließlich wich man aus ins Gebäude des Shanghai Philharmonic Orchestra, das unserer Mannschaft seine Räume für Ausstellung, Unterricht, Proben und Konzert großzügig überlies.

Fagottisten in Chengdu

Fagottisten in Chengdu

Während Gerald Püchner seinen Heimatflug antrat, flog die restliche Crew nach Xian, für mich persönlich die angenehmste Stadt, sowohl was Unterbringung und Umgebung, als auch Campus und Konzertsaal, als auch vor allem die zuvorkommende Gastfreundschaft und gewissenhafte Vorbereitung durch Gastgeber Zhou Wen Bo betrifft. Er war mit 24 Jahren der Jüngste der jungen Professoren. Ein Konservatorium in China muss man sich als einen großen bis riesigen Campus vorstellen mit großem und kleinen Konzertsaal, Bibliotheken, Mensa und ganzen Wohntrakten – immer noch nach Männlein und Weiblein getrennt! – und großzügigen Übehochhäusern. Es sind Dimensionen, die Musiker aus dem Lande der Sparmaßnehmen und Kulturkürzungen ehrfürchtig staunen lassen, unsere hiesige Hochschule hat vielleicht die Größe eines dortigen Pförtnerhäuschens. Die Studentenzahlen liegen zwischen 3000 und 16 000, Studierende traditioneller chinesischer Musik mitgerechnet.

Masterclass in Xian

Masterclass in Xian

Besonders gigantisch war der neue Campus in Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan, unserer letzten Station. Übrigens haben Xian und Chengdu, aus europäischer Sicht eher für Provinzstädte gehaltene Metropolen, jeweils „nur“ 8 Millionen Einwohner. Das Konservatorium von Chengdu besitzt zwar schon einen respektablen Campus in der Stadt, hat sich nun aber zusätzlich noch ein riesiges Areal vor den Toren der Stadt hingesetzt mit futuristischen Gebäuden und traditionellem Park. Allerdings soll man sich hier kräftig verschuldet haben, jedenfalls reichte es zum Kauf eines – bisher nicht vorhandenen – Kontrafagotts nicht mehr. Der Rektor meinte lächelnd, die „Tief-Ton-Groß-Röhre“ sei ja nur selten besetzt.

Interessierter Fagottist

Interessierter Fagottist

Damit kommen wir zum Kern der Problematik chinesischer Musikhochschulen. Ein Insider meinte zu uns, die Hardware sei jetzt vorhanden, an Software mangle es noch erheblich. Wenn man letztere gleichsetzt mit Unterrichtsinhalten, Methodik, Didaktik und Pädagogik, so kann ich dem nur zustimmen. Der Aussage meines prominenten Vorausreisenden Isaac Stern für die Zustände von 1979 muss man auch heute leider noch zustimmen, vermutlich nicht nur bezogen auf Violine bzw. Fagott: „Sie konnten alles, was in den Noten stand, mit erstaunlicher Geschicklichkeit abspielen, aber sie begriffen die Musik nicht. Alle wollten schnelle, fulminante, laute und schwierige Stücke spielen und ihre technische Virtuosität vorführen, aber es hatte an Zeit für Unterweisungen gefehlt, um sie mit grundlegenden musikalischen Wertvorstellungen vertraut zu machen.“ Genau dies war auch mein Eindruck nach den Erfahrungen in fünf Konservatorien. Über Fingertechnik muss man hier nicht reden, sehr wohl aber über Atemführung, Tonbildung, Phrasierung, Artikulation, Textgenauigkeit, Struktur und Dynamik, um nur einige Parameter zu nennen. Es beginnt beim Material, schlechte Kopien von Kopien von Kopien, mal rein chinesisch – wie man Komponistennamen mit lateinischen Buchstaben schreibt, war unbekannt – mal kyrillisch, nie mit Klavier- oder Continuostimme. Wie kann man aber in einem Lande, das buchstäblich alles unautorisiert kopiert ausgerechnet auf die Illegalität von Notenkopien hinweisen?

Stefan Weidauer (Vorsitzender der IDRS Deutschland 1993-2003) und der Präsident der Fagottgesellschaft Shanghai

Zwei Vorsitzende: Stefan Weidauer (Vorsitzender der IDRS Deutschland 1993-2003) und der Präsident der Fagottgesellschaft Shanghai

Zudem werden viel zu früh viel zu schwere Stücke gespielt/versucht, wie z.B. Weber, Andante e Rondo Ongarese im zweiten Studienjahr. Von historischer Aufführungspraxis kann man nur Andeutungen versuchen, mehr wäre Luxus, erstmal müssen die „Basics“ stimmen. Wenn z.B. ein Professor mit scheußlichem Ton vorspielt und die Studierenden brav eben diesen imitieren, ist es ein Erfolgserlebnis, wenn nach einigen Minuten des Unterrichtens bei der Studentin ein ganz anderer Klang aus dem Fagott ertönt. Auch das Gebiet Orchesterstudien und Probespielstellen würde wie alles Übrige einen erheblich längeren und ausführlicheren Unterricht durch europäische Gäste voraussetzen. Die eine Unterrichtsstunde bei der Langnase mit anschließendem Erinnerungsphoto taucht vielleicht in der Biographie des Lernenden auf, an Inhalten konnten aber nur – hoffentlich befolgte – Tipps und Anregungen gegeben werden.

Shi Li bei einer Jazz Improvisation Shi Li bei einer Jazz Improvisation beim Konzert in Xian

Was hat der Gastdozent und Hobby-Sinologe nun außer Konservatorien und Hotelzimmern zu sehen bekommen? Nun immerhin in jeder Stadt einige Highlights: in Beijing wohnte man um die Ecke zum Tian An Men mit der Verbotenen Stadt und ein Taxiausflug zum herrlichen Tian Tan (Himmelstempel) war auch drin. In Shenyang zeigte uns Insider Shi Li – selbst adliger Mandschure – den ersten Palast der Qing-Dynastie (1644–1911) und das Grab des ersten Mandschu-Kaisers, quasi seines Vorfahren. In Shanghai sahen wir den Bund mit seinem futuristischen Panorama – von dem vor 20 Jahren nichts stand! – bei nächtlicher Beleuchtung. Von Xian aus gab es außer einem abendlichen Bummel durch die reizende Altstadt zwei richtige Ausflüge: zum buddhistischen Kloster Fa Men Si und natürlich zur Terracotta-Armee mit ihren 8000 Soldaten (Isaac Stern bekam nur wenige hundert zu sehen), in Chengdu schließlich außer einem wunderbar restaurierten alten Viertel: echte Pandas!

Und Leib und Magen? Vergessen Sie alles, was sie je beim Chinesen um die Ecke bekommen haben! Die Regionen mit ihren Spezialitäten ließen einen aus dem Bewundern nicht herauskommen, nur eines gab es nie: Reis. Es gibt halt genug anderes Leckeres. Trinken? Passables Bier, eiskalt und ohne Schaum, man hüte sich nur vor’m „Gan bei!“, denn dies ist wörtlich gemeint: Glas leer – bis zum Abwinken. Fußball-WM? Kein Thema bzw. besser: ein großes. CCTV 5 sendete täglich live und in Wiederholungen, mit chinesischer Aussprache unserer Nationalelf, also Ba La Ke und Ke Lo Se…

Gerald Püchner und Liu Chang

Gerald Püchner und Liu Chang: Erste Hilfe an einem billigen Fagott

Alles in allem ein Abenteuer mit kleinen Pannen aber positiven Resultaten, das sich in modifizierter Form wiederholen könnte, denn allerorten hieß es „Zai lai! – Kommt wieder!“

„Aus „Rohrblatt“, Frechen 21 (2006), 3, Seite 141–146.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Müller & Müller“

Bitte besuchen Sie hierzu auch folgende Website (Verfasser: Stephen Weidauer, Solofagottist des Staatsorchesters Saarbrücken)